Die San Buschmänner aus Botswana

Dinosaurier, Bushmänner und Wasser von nirgendwoher
Ein Reisebericht über meine Erlebnisse mit den San-Buschmännern in Botswana.
Plötzlich stand er da, der fast nackte Bushman und niemand hatte ihn kommen sehen.
Die kleinwüchsige Gestalt mit dem Pfeilköcher auf dem Rücken und einem Bogen über der Schulter verhielt sich regungslos und unterschied sich darum kaum von den mannshohen Aloen, die wie menschliche Silhouetten in Standbildern die Kalahari Wüste in Botswana “bevölkern”.
Hier, in den Makgadigadi Pans, einer flachen, weißgrauen Salzpfannenlandschaft inmitten Botswanas, sind diese Halfmentrees und ein paar wie zufällig aufeinander getürmte Felsen die einzigen Anhaltspunkte in endloser Weite.
!Xetu heißt der Bushman[Q1] , er ist näher gekommen und spricht in einer Sprache, die aus nichts anderem als aus Klicklauten zu bestehen scheint.
Sein Gesicht ist faltenzerfurcht, er scheint ständig zu lächeln und weil die verbale Verständigung ziemlich hoffnungslos ist, lacht er aus vollem Hals. Dann deutet er auf den Boden und bei näherem Hinsehen sieht man sich in einem Meer von Fossilien stehen.
Selbst die Spuren von Dinosauriern sind so deutlich und zahlreich, dass im ersten Moment wahrscheinlich niemand überrascht wäre, würde ein lebendes Exemplar dieser längst ausgestorbenen Rasse sich aus dem Dunst am Horizont lösen.
Unter den Füßen knirschen zerbröselnde Salzkrusten und die Stille ist so laut, dass der Wind, der nur ein Hauch ist, wie Sturm heult. Ungeahnte Ruhe ergreift uns Fremde, nimmt Besitz von uns und lässt ein Eintauchen zu in diese Landschaft, der in ihrer faszinierenden Ödnis die unwirkliche Atmosphäre einer vorzeitlichen Kulisse anhaftet.

In ein paar Monaten, wenn die Regen begonnen und sich die Pfannen mit Wasser gefüllt haben, werden riesige Zebraherden hierher ziehen, Antilopen und Gnus, und ihnen folgen Löwen und andere Raubtiere.
In dieser Zeit werden gewaltige Gewitter über der Ebene toben als grandioses Bühnenbild für die Regeneration der Natur. Doch noch ist kein Tropfen gefallen, obwohl die Luft, die letzte Woche noch schwer gewesen war von flirrendem Staub, mit einem Mal nach feuchtem Moder riecht.
!Xetu legt sich flach auf den Boden, er presst sich an die Erde, riecht an ihr, lauscht in sie hinein, und er bedeutet uns, es ihm nachzutun. Er riecht das Wasser, deutet er an, weit weg, dort im Westen, wo er beim letzten Mondwechsel seine gemächlich ziehende Familie verlassen hat und zur Jagd vorausgeeilt ist. Er berichtet von dem dunklen Rot der Kalahari Dünen dort in Namibia und umschreibt die Veränderung der Vegetation auf seinem Weg hierher.

So ist demnach die prähistorische Landschaft des Deception Valleys, die den botswanischen Teil der Kalahari Wüste im Central Kalahari Game Reserve umschließt, schon heute von einem dunkelgrünen Teppich aus Bosciagras und den karmesinroten, hellbraunen und goldenen Blüten winziger Sukkulenten bedeckt, obwohl die Regenzeit erst in Angola, einige hundert Kilometer nördlich, begonnen hat.
Plötzlich jedoch erhebt sich der Bushman aus seiner Hockstellung, drückt uns, einem nach dem anderen die flache Hand auf die Brust – er muss weiter, er deutet nach Irgendwohin.
Und nach einem weiteren Gruß ist er so schnell verschwunden, wie er vor einer Stunde aufgetaucht war.
Dabei sollte man ihn in der Weite der Ebene doch sehen können! Nur die Klicklaute seiner Sprache klingen nach und die Bilder, die er beschrieb, lassen nicht los.

!Xetu deutet auf seine Nase und meint damit, dass auch die Erde den Regen riechen kann und die Luft zwischen den Distanzen.
Seit 10.000 Jahren schon leben San Buschmänner in der Kalahari Wüste in Botswana
Sie sind San, die seit 40.000 Jahren bestehende und damit älteste noch existierende Menschenrasse Afrikas.
“Bosjemans” – was so viel heißt wie Gammler oder Herumtreiber – nannten die Holländer, die ersten weißen Siedler im südlichen Afrika, die oft nur knapp einen Meter sechzig kleinen, gelbhäutigen und schmaläugigen Nomaden, deren direkte Verwandte, die Khoikhoi (von den Holländern Hottentotten genannt) sich bei ihrem Treck durch den Süden Afrikas an der Ostküste des heutigen Südafrikas niedergelassen hatten und dort von den europäischen Kolonialisten im 17. Jahrhundert nahezu ausgerottet wurden.

Die San Buschmänner zogen sich weit in die Kalahari zurück, wo die meisten der Familienverbände noch heute ohne viel Aufhebens um ihren Alltag zwischen kurzzeitigen Domizilen aus einfachen Hütten leben und der Wanderung zwischen den Ländern Südafrika, Namibia und Botswana.
Immer auf der Suche nach neuen Jagdgebieten, Wasser, Wurzeln und frischen Früchten während der Regenzeit. Dabei existieren für die San Buschmänner keine staatshoheitlichen Zäune, und Botswana, ein wildes, auf den ersten Blick unangetastetes Land mit unendlich vielen Meilen unbewohnter Weiten erscheint ohnehin grenzenlos.
Und nahezu menschenleer, wie der Korrespondent einer englischen Tageszeitung nach einer Reise durch den ehemaligen Kolonialbesitz der britischen Krone schrieb und dieser Eindruck täuscht nicht.
Denn auf einer Landesfläche von gut der Größe Frankreichs leben nur knapp eine Million Botswaner: Tswana, San, Hurutse, Rolong, Ndebele und LaBete, und die meisten von ihnen im Osten, entlang der natürlichen Grenze zu Südafrika, dem Limpopo River.
Hier, zwischen Gaborone, der Hauptstadt des Landes und Francistown, der zweitgrößten Stadt, ungefähr 500 Kilometer nördlich, liegen die wirtschaftlich wichtigsten Handelsobjekte Botswanas in der Erde begraben.
Das Land, das zwischen Angola, Zambia (durch den von Namibia heiß begehrten Caprivi Strip getrennt), Zimbabwe, Südafrika und Namibia liegt, ist nämlich der zweitgrößte Diamantenproduzent der Welt, und ein Großteil der Botswaner arbeiten in den Minen.
Botswana: die Erfolgsgeschichte eines unabhängigen afrikanischen Staats
Dieser natürliche Reichtum wäre, hätten schon die Kolonialherren davon gewusst, Botswana nie zugute gekommen, sagen die Bewohner des Landes.
“Es glaubt doch keiner, dass British Bechuanaland unter diesem Aspekt von den Engländern in die Freiheit entlassen worden wäre” höhnt man und lacht sich klammheimlich ins Fäustchen – als wäre die Erlangung der politischen Eigenständigkeit ein Trick gewesen.
Dabei gehörte Bechuanaland 1966, im Jahr seiner Unabhängigkeit, zu den zehn ärmsten Ländern der Welt.
Die zwei Jahre später beginnende Geschichte, die Botswana zu einem der reichsten Länder Afrikas machte, ist sinngemäß vergleichbar mit den Erfolgsstories ehemaliger Tellerwäscher, die es zu Hoteltycoonen brachten.
Und noch immer werden die hermetisch abgesicherten Abbaugebiete weitläufiger, dringen stetig ins Landesinnere vor. Dabei verzweigen sich die Stollen unterirdisch und dehnen sich in alle Himmelsrichtungen aus – wie als Pendent zum Okavango Delta im Norden des Landes und quasi vis á vis der Minen, einem mit der Regenzeit alljährlich wiederkehrenden Naturspektakel.

Aber das ist eine andere Geschichte!
Wie hatte !Xetu, der Bushman uns erklärt? “Uns wird es solange geben, wie wir Wild zum Jagen haben, Ruhe zum Leben und Platz zum Wandern.” Wohl denn, in Botswana gibt´s von all dem reichlich.
Gastartikel von Ulla Schmitz







